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Autor Thema: Ayd'Owl - Hinter verschlossenen Türen (One-Shot-Sammlung)  (Gelesen 2307 mal)

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Offline Vanni

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Spätherbst 266 n.J. - Rebekka

Gähnend massierte sie mit den Fingerspitzen über Nasenwurzel und Stirn. Ich glaube, es ist Zeit für eine kurze Pause. Und.. sie lächelte und einen Kaffee.


Während das Wasser langsam zu kochen begann und sie auf der Kante des Esstisches sitzend die Kurbel der Kaffeemühle drehte, wanderten ihreGedanken wieder zu den bevorstehenden Tagen des Lernens. Der Kanzler hatte ihr die ungefähre Anzahl an Gästen heute Mittag zukommen lassen und sie hatte, nachdem sie einige Stunden damit zugebracht hatte ihre Unterlagen vom letzten Akademietreffen zu suchen, eine Einkaufsliste zusammengestellt für die zusätzlichen Vorräte die in der Tavensa benötigt werden würden.
Diesmal waren es weniger Teilnehmer, da die Akademie im Moment nicht so viele Gäste beherbergen konnte wie sonst, allerdings wurden wohl deutlich mehr Magister erwartet als in den Jahren vorher.. und erfahrungsgemäß tranken die Magister gerne eher mehr als weniger, wenn sie in gemütlicher Runde Magietheorie diskutierten. Sie grinste.

Mit einem vollen Becher köstlichen, heißen, anregenden Kaffees, gepriesen sei Jelena, kehrte sie schließlich an ihren Schreibtisch zurück.. nun, genaugenommen war dies nicht ihr Schreibtisch, aber nachdem sie sich einige Monate mit ihren Kindern in Ysanders Hütte verkrochen hatte war ihr klargeworden, dass sie nicht ewig den Kopf in den Sand stecken konnte. Sie hatte eine Familie zu ernähren und Sam belastete die Isolation fast noch mehr als das Fernbleiben seines Vaters. Als Ysanders Briefe dann noch davon berichtet hatten, Balerian sei noch nicht verloren und man wolle versuchen ihn zu erreichen, man sei aber völlig im Unklaren darüber wie es dann weitergehen würde mit Balerian und Eolan, da hatte sie sich aufgerafft und war an die Akademie zurückgekehrt.
Sie hatte Balerians Arbeistzimmer ein wenig umgeräumt, hatte das verbrannte Bücherregal austauschen lassen und seine Unterlagen in zwei großen Korbkisten beiseite gestellt. Auf Balerians Schreibtisch lagen nun in mehreren Stapeln ihre Korrespondenz mit Ysander und ihrer Tante in Västerfjäll, ihr Haushaltsbuch mit allen Tavensa-Unterlagen, die Abrechnungen der Wandertaverne die Conradin für sie auf dem Fest der Grenzen bewirtschaftet hatte, eine Menge unterschiedlichster Notizen und ein paar Bücher aus der Akademie-Bibliothek.
Sie trank einen Schluck Kaffee und nahm den obersten Brief ihrer Tante zur Hand, dessen Inhalt sie sich nun zum wiederholten Male durch den Kopf gehen ließ Wahrscheinlich ist es wirklich das Beste, wenn sie die Kinder zu sich nimmt bis die Tage des Lernens vorrüber sind. Ich werde viel Arbeit haben und Sam kennt die Akademie mittlerweile wie seine Westentasche, aufzupassen dass er nicht versehentlich das Alchemielabor hochjagt oder ähnliches wird mir kaum möglich sein.
Und außerdem konnte sie dann direkt noch eine Kiste der hausgemachten Liköre bestellen und sie von ihrem Vetter mitbringen lassen, wenn er die Kinder abholte.. sie machte sich eine kurze Notiz und ließ, an ihrem Kaffee nippend, ihre Gedanken wieder schweifen.
Sie hatte Balerian inzwischen einmal für ein paar Stunden gesehen nein, nicht Balerian , korrigierte sie sich Eolan. Ysander hatte sie gebeten auf das Fest der Yorks zu kommen und ihr diese vollkommen verrückte Geschichte erzählt, dass Balerian sich gewissermaßen in Sashas Seele eingeigelt hatte und Eolan, der irgendwie eine andere Version von Balerians Persönlichkeit zu sein schien, bereit war sich den Körper mit Balerian zu teilen und mit ihm eine Einigung zu finden. Vorausgesetzt sie bekamen Balerian irgendwie aus Sasha heraus.
Was tatsächlich funktioniert hatte.
Zum Glück für alle Beteiligten war es irgendwie gelungen Balerian in Sashas Seele zu finden und zurück in seinen eigenen Körper zu geleiten, ohne dass jemand bleibende Schäden behalten hatte.. jedenfalls soweit man das bisher absehen konnte.
Sie war am nächsten Morgen in aller Frühe angereist, hatte aber nur mit Eolan sprechen können. Balerian schlief. Erholte sich von was immer auch in den letzten Monaten eigentlich mit ihm geschehen war.
Mit Eolans Versprechen, Balerian würde sich melden sobald er dazu in der Lage sei, war sie dann wieder zur Akademie gereist und hatte ihren Mann in Eolans und Sashas Obhut gelassen.
Die Begegnung war verstörend gewesen aber auch faszinierend, er war ihr gleichzeitig fremd und vertraut vorgekommen und sie hatte eine Ahnung davon bekommen wie er sich schon die ganze Zeit fühlen musste mit Balerians Freunden um sich herum. Sie war froh gewesen wieder abzureisen, sie wollte Eolan nicht kennenlernen, nicht wissen wie er so war, über was er lachte oder was ihn betrübte oder welche Dinge er gerne tat. Sie hatte durchaus gemerkt, dass einige der anderen zwar voller Freude waren Balerian bald wiederzuhaben aber zugleich bedauerten dass das einen Abschied von Eolan bedeuten würde. Daraus war ihnen kein Vorwurf zu machen, aber sie selber hatte von all dem nichts wissen wollen.
Sie war nach Hause gegangen zu ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihrer Verantwortung.
Wir werden sehen, wie es weitergeht. Ob einer von ihnen endgültig gehen muss oder ob sie einen anderen Weg beschreiten, immerhin sind sie irgendwie zwei Varianten desselben Bildes.
Und ob Balerian seinen Platz hier wieder finden wird wenn er zurückkehrt
.

Sie trank den letzten Schluck Kaffee und stellte den Becher beiseite, bevor sie sich über ihren Schreibtisch beugte um einen Brief an ihre Tante zu schreiben.

 
« Letzte Änderung: 12. Dez 16, 13:34 von Vanni »
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Offline Ballessan

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Antw:Spätherbst 266 n.J. - Rebekka
« Antwort #1 am: 07. Dez 16, 22:10 »
Balerians Heimkehr

Kalt, kälter, noch viel kälter, ein warmes Feuer, kalt.
Wald, Wald, noch mehr Wald, offenes Feld, Heideland, Wald.
Waldweg...Waldweeeeeg, Trampelpfad, Kutschfpad, Straße, Waldweg,
Nacht im Freien, Nacht in einem Holzverschlag, Nacht in einer Scheune, Nacht im Freien.

So in etwa kam Balerians neuem Ich die lange Reise gen Heimat vor. Mit einem geringen Maß an Aufmerksamkeit verfolgte er seinen Weg. Das größte Stück davon war eine einzige Gedächtnislücke. Zu tief hing er seinen Gedanken nach. Einmal glaubte er sogar, ein warmes, sicheres Gasthaus verpasst zu haben, in dem er es einfach nicht beachtet hatte, als er vorbei lief. Wo die Gedanken hingingen war klar. Nach Fanada. Zur Stadt, zur Ayd'Owl, zu seiner Familie. Vieles wartete dort und wollte wieder neu angeknüpft werden. Doch erst einmal musste der Magier all diese Dinge sortieren und sehen, wir er jetzt zu diesem und jenem stand.
Diesem und Jenem, dachte Balerian, seine Gedanken wieder fokussierend. An alles mögliche dachte er, um sich davon abzulenken, an die Begegnung mit Rebekka und den Kindern zu denken. Sicher freute er sich ungemein. Dieses Gefühl begleitete die schnellsten Momente seiner Reise. Aber er hatte auch wirklich Furcht. Immer wieder kam die Anspannung, die seine Schritte fast lähmte, denn ihm wurden die Knie weich. Wie wird sie reagieren? Wie reagieren die Kinder? Sie sind jetzt so groß geworden. Ob Miriam ihn noch erkennt? Nur einmal hatte Eolan die Kinder gesehen. So hatten sie wenigsten zu Balerians Aussehen Kontakt.
Ich werde schon wieder langsamer, stellte der Barde fest. Stehen bleiben. Augen schließen. Durchatmen. Augen auf. Und weitergehen. Irgendwie half diese Prozedur. Hin und wieder brachte er es sogar fertig eine Melodie zu pfeifen oder gar ein Lied zu singen. Darüber schleiften seine Gedanken dann wieder ab. Ins irgendwo.
"Irgendwo? Gleich da vorn, gar nicht mehr weit. Die Straße entlang und in kaum einer viertel Stunde seid ihr da."
"Ähm. Ach so, danke! Vielen Dank!" Da hatte er einem Reisenden eine kurze Frage gestellt und es geschafft bis zur Antwort schon wieder mit den Gedanken woanders zu sein. Aber gut, gleich da vorn lag es. Das letzte Gasthaus vor Fanada. Nur noch eine Nacht und dann...

Vor den Toren blieb er stehen. So groß waren sie ihm noch nie vorgekommen. Das Nordtor war wirklich beachtlich. Er grüßte die Wachen und trat ein in die Stadt. Völlig neu nahm er sie und das Leben in ihr wahr. Die gepflasterten Straßen führten an vielen Gassen, Häusern, Läden und Ständen vorbei. Die Stadt war längst auf den Beinen und an diesem Vormittag kam sie ihm besonders belebt vor. Viele Menschen, hier und da ein paar Elfen, auch eine Gruppe Zwerge kreuzte seinen Weg, ein paar einzelne Orks und in einer Seitenstraße sah er einen Scaven in ein Haus treten. Fanada, dachte der junge Mann und sog alles in sich auf. Alle Gerüche, Eindrücke, einfach alles. Den Weg durch die Stadt fand er blind. Am Marktplatz rechts, an Großer Gasse und Glockengasse vorbei, an den Kräuterläden, über die Alchemistenstaße und dann... die Ayd´Owl. An diesem Tor nicht pausieren. Komm schon!, sagte der Magier zu sich selbst. Denn er hatte Angst, er würde sonst Stunden vor der Akademie stehen und sich nicht hereintrauen. Aus Furcht vor der Heimkehr. Bevor dieser Gedanke real werden konnte klopfte er an das Portal.

Kein Schutzzauber und keine Barriere verwehrten ihm den Einlass, als das Tor geöffnet wurde. Man ließ ihn scheinbar noch herein. Doch nicht ganz bedenkenlos.
"Mein, äh, Herr?", fragte ein älter aussehnder Pförtner und Torwächter. "Seht zumindest aus wien Magier. Aber etwas abgewetzt, will ich meinen. Und seht so aus wie der junge Balerian. Aber der ist nicht der junge Balerian, hat man mir gesagt. Also, wer biste und was willste?"
"So jung ja nun auch nicht mehr", antwortete Balerian, der die forsche und nicht ganz höfliche Art des Pförtners kannte und immer zu schätzen gewusst hatte.
"Mit Verlaub, ich bin es. Und nun seid so gut und lasst mich passieren. Bevor meine Frau noch erfährt, dass ich nach all der Zeit, die ich weg war, hier herumgestanden und mit dem Wärter gefeilscht habe, statt zu ihr zu gehen." Letzteres sagte er halb beiläufig, halb belustigt. Er kannte den Pförtner und das saß gewiss.
"Ja da tritt mich doch...", setzte der alte an, bevor er abbrach und leise murmelnd den Weg freigab. "Wahrlich. Immer noch der alte. Hmpf."

Einer der jungen Schüler hatte das Spiel am Tor beobachtet und mitgehört. Sofort reagierte er und lief ins Innere der Akademie. Und zwar in den Flügel, in dem Balerians Familie wohnte und arbeitete. Er lief schnurstracks zu Rebekkas Stube und klopfte aufgeregt an die hölzerne Tür. Als diese verwundert öffnete, verkündete der Junge aufgeregt: "Er ist da! Er ist es! Wirklich! Er ist wieder da!" Große Augen strahlten Rebekka an. Auf dem Flur hörte man bereits Balerians Schritte.
« Letzte Änderung: 19. Dez 16, 12:22 von Ballessan »
Gorix: "Was brauchen wir noch, für ein Ritual?"
Balerian: "Ein Opfer."
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Balerian: Ninim! Hallo! Wo ist Kadegar? Ich bin da, wir können Gorix retten!
Ninim: Ähm...ja... Gorix! Komm mal, hier will dich jemand retten.
Balerian: -.- Gibts hier wenigstens Bier?

Offline Sandra

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Der Tag vor den Tagen des Lernens - Stellas Zimmer


Mit einem lauten *pock* landete die Feuerballkomponente der Magierin an der Wand und fluchend ging sie hinterher, um sie wieder aufzuheben. Kein Zauber, kein Feuer, einfach nur Frust loswerden.
Dann atmete sie tief durch und blickte auf das schwarze Brett vor sich, auf dem bereits einige Kreise, Formen und Runen gezeichnet waren.


Bringt ja nichts, wenn du jetzt unkonzentriert und aufgebracht weiter arbeitest, wirst du nur noch mehr korrigieren müssen…


Sie griff nach der Tasse, die auf dem Fensterbrett neben dem Tisch stand - wohlweislich, um Platz zu haben und diese nicht versehentlich umzustoßen - und schnupperte daran, bevor sie die Augen schloss und einen tiefen Schluck nahm.


Dann seufzte sie und begann vorsichtig mit einem nassen Tuch die falsche Linie wegzuwischen und anschließend korrekt neu zu zeichnen.


Ruhig zeichnete sie eine Rune nach der anderen bis sie schließlich zufrieden die Kreide weglegte. Die Zauber würde sie am Tag der Vorlesung ritualisieren. Ihr erster Versuch eines Vortrags... Die Bitte, ihr einen Raum für eine Übungsgruppe zur Verfügung zu stellen hatte der Kanzler wohl als Aufforderung verstanden, sie direkt in den offenen Vorlesungsplan mit aufzunehmen. Dabei war ihr Plan, die Analyse von Artefakten zu besprechen und praktisch zu üben eher auf einen kleineren Kreis ausgelegt - naja, wie sie das Problem lösen konnte, würde sich wohl noch zeigen...


Anschließend trug sie das Brett an die Wand neben ihrem Schrank wo sie es hochkant abstellte so dass die frische Zeichnung darauf nicht verwischte, nahm dann ein in schwarzen Stoff eingewickeltes und mit einem roten Runenband umwickeltes, längliches Paket von ihrem Bett und legte es vorsichtig daneben.


So, alles für die Vorlesung soweit vorbereitet…


Morgen würden die Besucher eintreffen und man merkte die Vorbereitungen schon an allen Ecken und Enden in der Akademie.
Dinge wurden von A nach B getragen, Räume vorbereitet und Rebecca war mit den Vorbereitungen der Tavensa beschäftigt.
~Every moment has a lesson for you to learn. Learn to listen.~

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Offline Ballessan

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Baleolan sinniert

Die Tage des Lernens waren nun schon seit ein paar Wochen vorüber und in der Akademie nahm längst alles seinen gewohnten Lauf. Balerian, wie er hier von allen genannt wurde, saß gerade an seinem Schreibtisch, mit einer Tasse Jelenas Bestem und einer Butterstulle und starrte aus dem Fenster des ebenirdischen Zimmers. Die Frühstückszeit in der Mensa war bereits vorbei, der Frühsport schon lange - wenn er denn überhaupt stattfand. Außerhalb der Tage des Lernens war die allgemeine Motivation dahingehend nicht von ausreichendem Maß, um die gesamte Schülerschaft dauerhaft dorthin zuführen. Zumindest schien es Balerian so. Aber wie er immer wieder feststellen musste, war längst nicht alles, was ihm so schien, ein Abbild der Realität. Zumindest schien es Balerian so. Vor allem seit seiner Fusion erlag er zunehmend dieser Erkenntnis. Zumindest schien es... „Ach verdammt“, unterbrach der Magister seine Gedanken, „diese Gedankenschleifen sind wirklich nicht produktiv. Nein“, bekräftigte er noch einmal kopfschüttelnd. „Wirklich nicht.“

Um sich von sich selbst abzulenken biss Balerian einmal herzhaft in seine Mahlzeit und verbrannte sich die Zunge bei einem großen Schluck aus einem Krug. Er kam jedoch nicht mehr dazu das passende „Autsch“ zu denken, da sein Blick schon wieder aus dem Fenster glitt, was zur sofortigen Folge hatte, dass seine Gedanken wieder schweiften.

„Die Gilde... das Gebäude ist so gut wie fertig. Auch die letzten magischen Schutzvorkehrungen sind konstruiert. Ich muss nur noch Kanzler Stauffer.... Den Kanzler, den Kanzler DEN KANZLER!“, ahmte der Magus gedanklich in Rikhard-Manier die Ankündigung vom Eintreffen des Kanzlers nach. Er musste unwillkürlich grinsen. „Auf jeden Fall“, setzte Balerian seinen eigentlichen Gedanken fort, „muss ich ihn noch fragen, ob er die finale Schutzformel am Gebäude vollendet. Er, der er schon Engonia schützte, wird das sicher leicht hinbekommen.“

Über die ein oder andere Formel in Sachen Magie schweiften die Gedanken weiter. Von Zaubern zu Musik, von Musik zu Menschen, von Menschen zu Musik, von da in alle Winde und von dort dachte der Barde über die Tavernen dieser Welt nach. Ach in wie vielen davon war er schon als Gast, als Musiker, als Arbeiter... Aber in wenigen war er als sein eigener Herr. Nein, nicht nur als sein eigener Herr, als Herr seiner eigenen Taverne. Ein bislang unerfüllter Traum. Und irgendwie würde es passen, wenn dies zum Familiengeschäft werden würde. Rebekka leitete mit Erfolg und Fleiß die Mensa und Tavensa der Ayd'Owl und er selbst hatte ungefähr seine halbe Lebenszeit in Tavernen verbracht. Rebekka träumte auch schon länger von einem eigenen Gasthaus. In der Akademie hat sie reichlich Erfahrung sammeln können und ein unabhängiges Projekt wäre der nächste Schritt. Für einen kurzen Moment hatte Balerian sogar schon mal eine Taverne. In Feuerklinge, als Gorix es geschafft hatte den hiesigen Wirt derart zu verärgern, dass dieser auf der Stelle Haus und Land verlassen wollte und seine Taverne im herausgehen verschenkte.
„Hm... irgendwie klingeln mir regelmäßig die Ohren, wenn ich an Feuerklinge denke“, sinnierte der Träumer. „Ob man über mich redet? Sicher kommt noch irgendetwas auf mich zu. Mir fällt nur gerade nicht ein warum...“
Auf jeden Fall, für einen kurzen Moment war Balerian stolzer Besitzer einer Taverne. Auch, wenn er deren Namen nicht einmal kannte. Aber er hatte schon nach nur fünf Minuten eine Liefervereinbarung über Material und Rohstoffe mit drei nicht ganz ehrlich aussehenden, aber sehr engagiert wirkenden Bewohnern des umliegenden Landes getroffen. Der Start schien also gar nicht so schlecht. „Bis zum Angriff“, dachte Balerian bitter. Denn nun sah er wieder Weiße Wappenröcke mit goldenen Sonnen, hörte schreie und Gebete, sah Kameraden fallen, sah Klingen und Blut. Und er spürte Schmerzen. Seit diesen Ereignissen und seit seinem neuen ICH, musste der Magier manche Dinge in Gedanken erst einmal wieder erleben, damit er sich ihrer wieder völlig bewusst war. Es musste ihm einfach wieder einfallen. Er musste halt irgendwie einfach daran denken, damit er daran dachte.
Er schluckte einmal schwer. Sein erster Versuch einer eigene Taverne wurde also mit scheinbar göttlicher Verfügung unterbunden, als die Verblendeten der Inquisition seinen Leib mit dem Erboden verbanden. Durch stures auf ihn einschlagen. Aber er wäre nicht er, wenn er sich von so etwas entmutigen lassen würde, selbst dann nicht, wenn tatsächliche, göttliche Verfügung gewesen sein sollte.
„Wir werden eine eigene Taverne haben!“, fasste Balerian seinen Entschluss. „Rebekka und ich werden eine eigene Taverne haben. Ein eigenes Gasthaus. Egal wo, egal wie es heißt. Liegt die Taverne an einem Fluss, heißt sie eben Am fließenden Wasser. Steh sie an einer Kreuzung, heißt sie Am Wegkreuz.“
Der Name gefiel ihm. Nun fiel ihm auf, dass da noch eine Sache zu klären wäre. Rebekkas Ersparnisse hatten arg gelitten, als Balerian monatelang nicht da war, weil er Eolan war. Seine eigenen waren fast gänzlich in den Aufbau der Gilde geflossen. Wovon eine Taverne bezahlen?
„Vielleicht ist da doch etwas daran, dass ich ein Timbersteam bin“, kam Balerian in den Sinn. Die Zukunft der alternativen Realität, mit der ein paar Engonier und er einmal kollidierten, war sich da sehr sicher. „Dann wäre es leicht an Geld zu kommen“, spann er den Gedanken weiter, nur um ihn im nächsten Moment zu verwerfen. „Aber ich lasse doch keinen Timbersteam die Hand über unsere Taverne halten.“ Vielleicht könnte man auch jemanden zum Teilhaber machen, der einen Teil der Summe vorstreckte. Jemanden, den man mit an Bord holte, der mitarbeiten würde. Aber wen?
„Wäre doch schön, wenn jemand unverhofft erben würde.“
Gorix: "Was brauchen wir noch, für ein Ritual?"
Balerian: "Ein Opfer."
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Balerian: Ninim! Hallo! Wo ist Kadegar? Ich bin da, wir können Gorix retten!
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Offline Vanni

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Frühsommer 267 n.J. - Rebekka und Runa

Der Abend schritt langsam aber unaufhaltsam fort und die nächtliche Kühle drang in die Flure und Vorlesungsräume der Akademie.
Aus der Tavensa klang Gemurmel, das Kratzen einer Feder, Papierrascheln und hin und wieder ein genervter Ausruf.
Die beiden Frauen die dort saßen und die Köpfe über einem Tisch voller Blätter und Tintenflecken zusammenstreckten wirkten sichtlich frustriert.
Runa und Rebekka hatten sich kurz nach dem Abendessen zusammengesetzt um einen Bericht über Gorix und Svenjas Hochzeit zu schreiben. Natürlich darüber wie schön und friedvoll und vollkommen ohne unvorhergesehene Zwischenfälle Zeremonie und Feier abgelaufen waren.. das war Runas Idee gewesen - der Postille einen Artikel einzureichen, bevor deren Mitarbeiter ihre Nasen allzu tief in diese Angelenheit steckten.
Eine gute Idee, nur leider viel schwieriger umzusetzen als gedacht. Immer wieder verwarfen sie bereits niedergeschriebene Absätze, klang doch alles stets irgendwie hölzern und halbherzig. Hinzu kam dass Runa sowieso leicht durch den Wind wart seit sie von dem Brand in der Akademiebibliothek erfahren hatte.
Balerian hatte einmal kurz den Kopf aus der Tür der Hausmeisterwohnung gesteckt und auch schon den Mund geöffnet um nach dem Stand der Dinge zu fragen, hatte sich jedoch auf einen gereizten Blick seiner Frau hin wieder zurückgezogen und war nicht mehr aufgetaucht.
Schließlich ließ Rebekka schwungvoll die Hand auf den Tisch niedersausen und stand auf.
"Runa, so wird das nichts. Wir gehen da viel zu verkrampft ran.. wir brauchen mehr.. mehr.. Schwips", sie grinste und verschwand kurz am Tresen vorbei im Vorratsraum, von wo sie mit einer Flasche Met und zwei Bechern zurückkehrte.
...
Eine Stunde und eine inzwischen geleerte Flasche später war der Hochzeitsbericht auf eine beträchtliche Länge angewachsen.
"Kleider.. wenn einer heiratet reden alle immer darüber, was wer für ein Kleid trug.." kicherte die Scolaria, während Rebekka zustimmend nickte und eifrig schrieb.
Eine weitere geleerte Flasche später, wagte Balerian doch nocheinmal einen Blick in die Tavensa und runzelte überaus irritiert die Stirn über das Satzfragment welches er gerade noch mitbekam "wer schwebt in einer Glocke der Glückseeligkeit?"
"Dassis weil seine Liebe heißer brennt alsser Phööönix in ihm" bekam er zur Antwort.
Mit einem gemurmelten "Nein, nein, ich hab das einfach nicht gehört" verschwand er wieder und überlies die zwei kichernden Frauen sich selber.
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Offline Vanni

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Frühsommer 267 n.J. - Das Fest der Grenzen - Rebekka

Das Fest näherte sich seinem Ende, bald würde der letzte Abend anbrechen und am nächsten Morgen würden sie die Zelte abbauen und die unzähligen Karren wieder beladen.
Rebekka hatte den Einduck dass es in jedem Jahr mehr Arbeit wurde, in diesem Jahr traf das wohl tatsächlich zu denn Gorix Erhebung in den Baronsstand hatte für sie alle, die dem neuen Baronspaar irgendwie nahestanden, bedeutet sich besonders viel Mühe zu geben. Runa war kaum zu bremsen gewesen, hätte Balerian sie nicht gewissermaßen dazu gezwungen sich auszuruhen wäre sie vermutlich irgendwann schlafend auf den Tresen gekippt.
Rebekka nagte an ihrer Unterlippe während diese Gedanken durch ihren Kopf huschten und starrte auf das erst mit wenigen Zeilen beschriebene Blatt vor sich auf dem Tisch.
Sie schrieb an ihre Tante in Kaldfjord. Diese hatte Miriam für das Fest der Grenzen zu sich nach Västerfjäll geholt, beziehungsweise von ihrem Sohn bei Rebekka abholen lassen.  Sie liebte ihre Großnichte und ihren Großneffen sehr und nahm sie gerne zwischendurch bei sich auf und Rebekka und Balerian nahmen dieses Angebot gerne wahr, denn dort waren die Kinder gut aufgehoben.
Nun musste Rebekka ihre Tante allerdings bitten die Kleine noch etwas länger als vereinbart bei sich zu behalten, denn Balerian hatte beschlossen auf dem Rückweg nach Fanada noch Anders auf ihrer Waldlichtung zu besuchen.
Zum Glück besuchten einige Bekannte aus der Heimat jedes Jahr das Fest und konnten die Nachricht so noch rechtzeitig überbringen.
Sie wird die Stirn runzeln und mal wieder darüber schimpfen wie unstet Balerian ist.
Rebekka lächelte während sie den Brief fertig schrieb..
« Letzte Änderung: 15. Mai 17, 21:26 von Vanni »
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Offline Jelena

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Sommer 267 n. Jeldrik

Das Labor


Jelena wischte sich den Schweiß von der Stirn und band sich das Tuch um Mund und Nase noch ein wenig fester.
Es waren in ihrer Abwesenheit keine neuen Fälle aufgetreten, wofür man sich eigentlich schon in den Dreck werfen und sämtlichen Göttern Trankopfer bringen müsste, aber irgendetwas störte sie gewaltig an dieser Situation.
Sie hatte Blut von allen Kranken genommen und jede Analyse durchgeführt, derer sie habhaft werden konnte, aber jedesmal wenn sie kurz davor stand es zu extrahieren passierte... nichts.
Es war, als ob sie einen grundlegenden Schritt im Rezept übersehen würde oder aber eine Zutat gegen ein wirkungsloses Imitat ausgetauscht worden war und es war zum Haare raufen. Sie war keinen Schritt weiter als vor zwei Monaten und das ließ sie nachts nicht ruhig schlafen.
Was, wenn es wieder kam?
Sie erschauerte.
"Schmuggeln? Ich bin reich genug um zu bestechen, ich muss nicht Schmuggeln!"

Offline Marius von Weißenfels

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Jahresanfang 268 n.J. - die Bibliothek

Marius hatte offiziell die Erlaubnis erhalten, für die Arbeit in der Bibliothek den Lichtzauber zu benutzen - nicht dass er das nicht privat eh schon tat, aber mit der Genehmigung fühlte er sich sicherer, und insbesondere genoss er dieses kleine Privileg immens. Er bewegte ein wenig die Hand, und bewunderte die Schatten, die über die Bücherregale tanzten.

Die Gräfin Klara hatte ihn immer noch nicht aufgefordert, seinen Vortrag über Pegelmagier zu halten. Er bezweifelte aber keinen Augenblick, dass sie sich sehr wohl daran erinnerte, und nur darauf wartete, ihn in einem unvorbereiteten Moment zu erwischen, um ihn nach allen Regeln der Kunst zu blamieren. Die Genugtuung wollte Marius ihr nicht geben, deshalb durchsuchte der Lehrling die Bibliothek manchmal spätabends nach geeigneten Quellen, um den Vortrag mit mehr Inhalt zu füllen.

Frustrierenderweise hatte sich wohl die Bibliothek gegen ihn verschworen. Er fand kaum etwas, was er sich nicht auch schon bei den Tagen des Lernens angelesen hatte. Grad las er eine fast zehn Jahre alte Abhandlung zu diversen magischen Substanzen, geschrieben von einem Magister Florian Phelleas Phönixflug in einer kaum entzifferbaren Schrift - und das war gerade schon das vielversprechendste.

Kurz erwog er ernsthaft, ein Gebet zu Elja zu schicken, doch die Halbgöttin des Wissens hatte sicher besseres zu tun, als einem Lehrling bei einem Referat zu helfen, adlig hin oder her.

Nein, er brauchte einfach eine Pause. Er legte die Abhandlung beiseite, ging zu einem Regal, zog "Der vierbeinige Pfeil" heraus, und legte das Buch vor sich auf den Tisch.

Nachdem Runa vor einigen Tagen erwähnt hatte, dass sie das Buch gelesen hatte, hatte Marius die Bibliothek danach durchsucht. Er hatte nicht gedacht, dass er das Werk außerhalb seiner Heimat mal sehen würde, handelte es sich doch um das Hauptwerk eines remoranischen Kriegsherren. Schließlich hatte er die Ayd'Owl-Ausgabe in einer hinteren Ecke gefunden, zwischen einem Bestimmungsbuch für Staubgolems und einem Wörterbuch der Korbflechtkunst.
Die Ausgabe sah wesentlich anders aus als ihre zerlesene Schwester in der Bibliothek seines Großvaters - insbesondere so, als hätte sie jemand vor Jahren in den Schrank gestellt und als hätten seitdem nur Runa und er sie jemals aufgeschlagen.

Romilda beschrieb in dem Buch unter anderem strategische Formationen der Kavallerie und schwärmte dabei von der Geschwindigkeit, die Pferde boten. Marius blätterte zu der Stelle, die dem Buch seinen Namen gab.

"Wie vierbeinige Pfeile", so schrieb Romilda, "flogen unsere Pferde der gegnerischen Infanterie entgegen, die sich, des Anblicks gewahr und dessen nicht gewohnt, teils zu Boden niederwarf mit Gebeten zu den Göttern, die die Heiden anbeten, dass der Tod schnell kommen möge, teils aber in alle Winde zerstreute, sodass wir bald schon siegreich an unseren Lagerfeuern saßen, während der Barde die Erfolge, die wir im Namen des glorreichen Kaiserreiches, dessen Grenzen auf ewig in Sicherheit stehen mögen, errungen hatten, besang."

Marius gähnte. Romilda mochte ein brillianter Stratege gewesen sein, doch eins war er gewiss nicht, ein brillianter Autor. Seine Sätze schienen einfach nicht zu wissen, wann sie aufhören sollten, und die Metapher mit dem vierbeinigen Pfeil war äußerst bemüht. Nein, Marius las das Buch nicht wegen dem literarischen Wert, sondern weil es ihn an seine Heimat erinnerte.

"Die gegnerischen Soldaten stellten, obwohl uns an Zahl überlegen, keine ernsthafte Gefahr für uns dar, da unsere Truppen sowohl an Ausbildung als auch an Tapferkeit dem Gegner, der sich häufig, seiner Schwächen bewusst, feige zwischen den Hügeln und Bergen, die in diesem Land so zahlreich sind, versteckte, ..."

Marius merkte, dass die Worte vor seinen Augen vor Müdigkeit verschwammen. Er konnte sicher den Kopf niederlegen... nur ein paar Augenblicke.

Nach einer Weile ging das Licht seines Zaubers aus, und es war nun dunkel in der Bibliothek. Dann war es auch still, bis auf das gleichmäßige Atmen eines einzelnen eingeschlafenen Lehrlings.

Offline Anders

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Jahresanfang 268 n.J.- Der Brief

"Ja Animant magische Kreide." Leicht genervt schüttelte Runa den Kopf über die ungläubigen Fragen ihrer Klassenkameradin und schob ihr ihr blaues Büchlein zu. "Ich möchte lernen wie man sie herstellt damit ich es für den Notfall weiß. Und zufällig wird bald ein Kurs dafür angeboten." Ihre Freundin mit dem Rehbraunen Haar überflog schnell die Seiten in der die Prozedur beschrieben wurde. "Klingt ja... spannend. Wie lange dauert das denn?" Runa zuckte die Achseln und zog ihr Buch wieder zu sich um es in ihrer Kiste zu verstauen. Irgendwann brauchte sie dringend eine andere Möglichkeit es mit sich herum zu tragen. "Der letzte Schritt drei Nächte wie du gelesen hast."
"Na wenn du meinst. Aber dir wird es wahrscheinlich weniger ausmachen als unsereins. Du bist den Eulen ja mittlerweile näher als den Tagaktiven.", witzelte sie und entlockte der Scolari damit ein schiefes Lächeln. "Sag mir nur Bescheid bevor mir Federn wachsen ja?"
Sie erhoben sich von den Stühlen der Tavensa und machten sich auf den Weg zum Hauptgebäude.
"Du hast deinen Aufsatz zur Beschaffenheit des Astralraum doch bestimmt schon fertig. Lässt du mich ihn lesen?", fragte Animant und hakte sich ungefragt bei ihr unter.
"Wenn du nicht zu viel abschreibst.", seufzte Runa. Sie löste sich von ihrer Freundin und begab sich in Richung Torhaus wo der Pförtner saß.
"Ich will nur schnell schauen ob es neue Briefe für den Vizekanzler gibt.", erklärte sie Animant die fröstelnd auf dem Hof stand.
Sie klopfte gegen das raue Holz der Tür die kurz darauf geöffnet wurde. Warme Luft schlug ihr entgegen.
"Ah du bists.", murrte der Pförtner und hob einige Schriftstücke von einem kleinen Tisch.
Runa bedankte sich und nah sie entgegen.
"Also die Elementaristen können ja behaupten was sie wollen, aber ich sage es ist kälter als noch vor ein paar Tagen.", schimpfte Animant und zusammen eilten sie die Stufen hinauf um ins warme zu gelangen.
"Hm.", pflichtete Runa bei während sie die Briefe durchging. Es waren vier und zwei vom Stadtrat und einer der so an den Vizekanzler adressiert war. Als ihr Blick auf den letzten Brief in dem Stapel fiel erstarrte Runa mitten in der Bewegung. Der Umschlag war aus schwerem Papier und ein dickes Siegel aus silbernem Wachs prangte auf der Rückseite. Doch das war es nicht was ihre Aufmerksamkeit fesselte. Ihre Augen saugte sich beinahe automatisch an dem Wappen fest welches in das Wachs eingelassen war.
Runa spürte wie ihre Knie weich wurden und ihre Kehle trocken.
"Runa? Runa? Alles in Ordnung?"
Erschreckt hob die junge Scolari den Kopf und schaute in die besorgten Augen Animants die sie mussterte. "Du bist weiß wie der Schnee! Geht es dir gut?"
//Reißt dich zusammen!//herrschte sie sich in Gedanken an und steckte fahrig die Briefe in ihre Rocktasche. "Ja. Ja mir geht es gut keine Sorge Animant."
"Bist du sicher?", ihre Freundin kam näher und legte ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter. "Was ist das für ein Brief der dich so aus der Fassung bringt?"
"Es geht mir gut. Wirklich Animant. Mach dir keine Sorgen." Etwas ruppig streifte die Hand der anderen Scolari ab, stellte ihre Kiste auf den Boden und zog ihren Aufsatz hervor. "Hier. Leg ihn wenn du fertig bist einfach wieder in mein Zimmer.", meinte sie und drückte ihn bestimmt Animant in die Hand. "Kommst du nicht mit?" Unsicher sah sich Ani nach der Bibliothek um. "Ich... ich muss mich erst noch um etwas kümmern.", murmelte Runa, raffte ihre Röcke und eilte dann an ihrer Freundin vorbei. Die Stufen erklomm sie wie im Schlaf und mit klopfendem Herzen. War das ein gutes Zeichen? Von wem war der Brief? Ihm? Oder war es nur eine Botschaft.
Schnell erreichte sie ihr Zimmer und verschloss hastig die Tür hinter sich. Die anderen Briefe und die Kiste stellte sie achtlos auf den Schreibtisch. Das Papier des Briefes von der Schattenwall fühlte sich an als würde es unter ihren Fingern brennen während sie ihn aus der Tasche zog. Wieder war da dieses stechende Gefühl in der Brust.
Ängstlich ließ sie sich auf ihrem Bett nieder den Blick starr auf den Brief gerichtet. So bemerkte sie das Raks erst als es vor ihr auf dem Boden saß und mit dem Buchdeckel klapperte. Mit einem zittrigen Lächeln sah sie auf und beugte sich zu ihm hinab. "Ich hab dich nicht vergessen.", murmelte sie und strich ihm über das schwarze Fell. "Gedulde dich bitte noch einen Moment."
Wieder griff sie nach dem Brief zögerte.
//Das ist doch jetzt nicht dein Ernst! Seit über einem Jahr wartest du schon auf eine Nachricht und jetzt bist du zu feige einen Brief zu öffnen.//
Mit zitternden Fingern brach sie das Siegel und begann zu lesen:

Einladung zu den Feierlichkeiten zu Ehren des Gottes Manto und der Abschlussprüfungen der Akademie für Dämonenjagd zu Schattenwall auf Montralur.
Hiermit möchte sich die Akademie für Dämonenjagd zu Schattenwall auf Montralur für die stets gute Zusammenarbeit mit der Akademie zu Ayd'Owl und Ihrer Person, Scolaria Runa Steinhauer, bedanken und erkenntlich zeigen.

Wie jedes Jahr wird ein Fest zur Entlassung der Absolventen unserer Akademie zu Ehren des Schutzpatrons, dem Gott Manto, abgehalten und wir möchten Sie als Repräsentantin der Ayd'Owl zu dieser Feierlichkeit auf persönlichen Wuns als Ehrengast einladen.
Es wäre uns eine Freude, wenn Sie sich, sofern es möglich ist, auf den Weg nach Montralur machen um im kommenden Mondeslauf an den Feierlichkeiten zu Ehren unseres Schutzherrn und Gottes Manto teilzunehmen und, sollten Sie dies wünschen, vorher den Austausch mit uns unseren Magistern und Schülern suchen können. Als Repräsentantin der Ayd'Owl und unser offizieller Gast werden Sie mit einigen unserer eigenen  Repräsentanten auf Augenhöhe sprechen können und bei den Feierlichkeiten als Repräsentantin ihre eigene Akademie vertreten. Wir erhoffen uns durch Ihre Anwesenheit eine weitere Verbesserung der Zusammenarbeit unserer Akademien und einen weiterführenden Wissensaustausch in Ergänzung an Ihren letzten Besuch.

Diese Einladung ist nicht übertragbar und erfordert keiner schriftliche Absage, sollten Sie diesen Termin nicht wahrnehmen können.
Ihnen wird für den Zeitraum Ihres Aufenthalts ein Zimmer und einfache Kleidung zur Verfügung gestellt, jedoch würden wir Sie bitten sich eine gute Garderobe mitzubringen, da zu den Feierlichkeiten die festlichsten Gewänder getragen werden sollen.
Die Kosten für Ihre Reise können Ihnen bei Ihrer Ankunft erstattet werden. Wir bitten diese Unannehmlichkeit aufgrund der kurzfristigen Einladungsfrist zu entschuldigen.

i.A. des Festkomitees für die Feierlichkeiten zu Ehren des Gottes Manto
Scolaria S. Rabenwald


Langsam faltete Runa den Brief wieder zusammen. Das war es? Eine Einladung? War das ein Scherz? Nocheinmal jagten ihre Augen über die geschriebenen Zeilen bemerkten kleine Unsauberkeiten hier und dort. Der Brief musste diktiert worden sein... es war sowieso nicht seine Handschrift. Enttäuscht und wütend über ihre Enttäuschung kniff sie die Lippen zusammen und widerstand dem Drang den Brief an das Raks zu verfüttern damit sie ihn nicht mehr sehen musste. In ihrer Brust machte sich wieder ein stechender Schmerz breit und ihre Augen brannten. Das war nicht was sie sich erhofft hatte. Aufgewühlt sprang sie auf, stieg über das magische Buch hinweg und begann auf und abzulaufen. Wieso sie? War das ein Einfall der Stellvertretung der Schattenwall gewesen? Irgendwie würde sie es dieser Person zutrauen nach ihrem letzten Gespräch. Sie glaubte nicht das Kadegar sie vorgschlagen hatte. Welchen Zweck hätte es gehabt und sie verband zu wenig als das es sich um eine Art freundschaftlichen Dienst handeln würde. Aufgewühlt schlang sie die Arme um sich und durchbohrte das unschuldige Papier mit ihren Blicken.
//Beruhig dich. Denk nach.//, versuchte sie sich zu beruhigen. Es wäre sinnlos ihre halbwes stabile innere Ruhe die sie sich in den letzten Monaten erarbeitet hatte wieder zu verlieren. Aber warum kam der Brief auch gerade jetzt? Jetzt wo sie endlich einen halbwegs effektiven Weg gefunden hatte mit der ganzen Situation umzugehen. Zittrig atmete sie ein und ließ die Luft langsam entweichen.
Nocheinmal. Ganz langsam.
Diese Einladung war zuerst nichts schlechtes. In gewisser Weise sollte sie sich sogar geehrt fühlen, dass sie eingeladen worden war. Und wer immer sie geschickt hatte hoffte, dass sie sich auf den langen Weg nach Montralur zur Schattenwall machte. Das letzte Mal war sie einige Wochen unterwegs gewesen und dieses mal würden Verzögerungen wohl auch nicht ausbleiben.
Sie musste eine Berulaubung beim Kanzler einreichen. Wenn sie sich beeilte würde das vielleicht sogar noch heute geschehen können.
Runa hielt inne. Wollte sie wirklich dem Ersuch des Briefes folge leisten?
Ja... ja das wollte sie, denn vielleicht würde sie dort endlich die Antworten auf die Fragen bekommen die sie so quälten.
//Oder sie wollen sich nur zurückholen was ihnen gehört...// dachte sie und lächelte grimmig.
Dann griff sie nach dem Brief, schob dem Raks noch eine beschrieben Seite zwischen die Deckel und machte sich eilig auf den Weg zum Kanzler.


Zwei Tage später verließ sie die Ayd Owl und machte sich auf den Weg nach Montralur.
~~~~~~Der Wächter La Follyes ~~~~~~

Nur im Dunklen kann man Glühwürmchen beobachten.

Offline Vanni

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12. Monat, 268 n.J.

Rebekka stand in der Tür der Tavensa und starrte in den Hof. In der Hand ein Trockentuch und ein Löffel, welcher seit geraumer Zeit bereits trocken war und inzwischen auch hübsch glänzte, dank ihrer fortwährenden Politur.
Ihre Hände bewegten sich in einem monotonen Bewegungsablauf immer weiter, während ihre Gedanken weit weg waren.
Sie hatte geträumt, immer ungefähr das Gleiche in den letzten paar Nächten seit Balerian, Runa und die anderen zurückgekehrt waren.

Ihr Kopf schmerzte, ihre Handgelenke brannten von dem Seil, welches sie an Ort und Stelle hielt. Die Rinde des Baums an den sie gebunden war, rieb an ihrem Rücken, sie war sich sicher, dass sich dort Blut und Dreck in den Wunden vermischten.
Der Mann vor ihr war groß und breit und schien alles Tageslicht zu verdecken, hinter seine Stimme   verblassten die Geräusche des Waldes, trotzdem konnte sie kaum verstehen, was er sagte.
Blau und schwarz.
Mit kleinen nassen Flecken. Blut. Ihr Blut um genau zu sein.
Zur falschen Zeit am falschen Ort.
Er griff nach ihrem Gürtel und sie riss die Beine hoch, versuchte ihn zu treffen.
Er lachte hämisch.
Ein donnernder Schmerz fuhr durch ihren Kopf, als er zuschlug.
Dann lautes Rufen, man gab Alarm, Leute stürmten auf die Lichtung, sie zerrte an dem Seil, konnte es aber nicht lösen.. ihre Beine versagten.

Dann war der Tumult vorüber.
Die Lupus Umbra erschlagen.
Und über ihr zwei Gesichter.
Besorgt. 
Das eine golden schimmernd, fremdartig, dennoch freundlich.
Das andere menschlich. Blass. Gezeichnet von Wut und Entschlossenheit.


Sie hatten sie losgeschnitten, ihre Wunden versorgt und sie mitgenommen. Hatten ihr vom Pilgerzug berichtet.

Lyra war ihr immer irgendwie nah gewesen. Selbst während ihrer Zeit auf der Freedom Alone, waren sie einander überraschend häufig begegnet.

Lorainne war Teil einer anderen Welt, immer geprägt und gebunden durch Eide, durch Pflichten, durch Bürden, die Rebekka nie ganz erfassen konnte. Oder erfassen können wollte. Aber sie war da.
Und in den letzten Monaten schien sie näher als früher. Als hätte sie endlich einen Platz in der Mitte all dieser vertrauten Gesichter gefunden, den sie bereit war anzunehmen.

Rebekka wischte die einzelne Träne fort, die sich den Weg über ihre Wange suchte, bevor ihr weitere folgen konnten und wand sich energisch um.
Sie hatte nach fast jedem dieser Träume geweint, halb gefangen in der Erinnerung, halb aus diffuser Wut und Trauer.
Es war genug.
Man ehrte die Toten nicht dadurch, dass man ihretwegen ewig Tränen vergoss, sondern dadurch dass man ihre Namen und Taten weitertrug und die Erinnerung die Zeiten überdauern ließ.
« Letzte Änderung: 13. Dez 18, 20:28 von Vanni »
Let the storm rage on
The cold never bothered me anyway!