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Autor Thema: Umland von Engonia  (Gelesen 245 mal)

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Offline Jeremias

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Umland von Engonia
« am: 30. Jun 19, 13:42 »
Umland von Engonia, im 6. Monat, 269 n.J.

Leichter Regen tröpfelte auf das offene Feld herab. Die Regengüsse der vergangenen Tage hatten den Weg an Engonia vorbei in eine schlammige Angelegenheit verwandelt und nur wenige Pilger waren in der vergangenen Woche zu sehen gewesen. Trotzdem marschierte eine große Patrouille schwer gerüsteter Tiorsritter über den Weg: drei Dutzend Ritter mit ihren Knappen, mehrere Handvoll Priester und ein veritabler Tross von Laienbrüdern. Die Ordensmeister waren über ihre Aufgabe sich einig gewesen .

Nur wenige Stunden später kamen sie an ihrem Ziel an. Ein kleiner Wehrturm an einer Wegkreuzung, mit hervorragendem Blick in alle Richtungen. Hier kreuzte sich ein Weg aus Hanekamp nach Engonia mit einem Weg aus Pfauengrund nach Engonia. Der Wehrturm selber war von Unkraut überwuchert, aber seine Grundsteine waren nach wie vor stark und fest. Mit einem schmatzenden Platschen sprangen die Laienbrüder von ihren Karren und gemeinsam baute der Orden ein provisorisches Zeltlager auf, um sich dann an die Instandsetzung des Turms zu begeben.

Wenige Tage später war der Himmel wieder aufgeklart und der Strom der Pilger war wieder größer geworden. Am Wegesrand hatte der Orden einen Karren zu einem Unterstand umgebaut, unter dem drei Mitglieder des Ordens saßen. Sie grüßten die Pilger freundlich und wünschten ihnen eine gute Weiterreise nach Engonia. Der Wehrturm im Hintergrund wurde kaum beachtet, auch weil die inzwischen befestigten Barracken außer Sicht hinter dem Hügel aufgebaut waren.
Am späten Nachmittag hob plötzlich einer der Ritter seine Hand und lauschte, dann bedeutete er den beiden Anderen, ihre Wehren aufzunehmen. Sie stellten sich gemeinsam auf den Weg, mit Blick in die Richtung, aus der die Hanekamper Pilger kamen, die in den letzten Stunden immer weniger geworden waren.
Der Ritter hatte rhythmisches Fußgestampfe gehört, und dieses wurde in den nächsten Minuten immer lauter. In der Ferne wurde eine Staubwolke sichtbar. Je näher diese kam, desto eindeutiger wurde, dass dort Soldaten auf die Wegkreuzung zumarschierten. Soldaten mit dem Wappen des Herzogs von Hanekamp. Ihnen voran ritt ihr Anführer, ein Ministerialritter des Herzogs.

Als der Trupp die drei Tiorsritter beinahe erreicht hatte, gab der Ministeriale seinem Pferd die Sporen und galoppierte nach vorn.
"Ritter des Tiors! Gibt es einen Grund, warum ihr gerüstet und bewaffnet im Weg meiner Männer steht!?"
Der mittlere der drei Tiorsritter, über der Schulter eine gewaltige Mordaxt, trat einen Schritt nach vorne und hob den Helm vom Kopf.
"Nun, werter Herzogsdiener, der Grund ist ganz einfach: Ihr und eure Männer seid eine Gefahr für die Pilgerwege um Engonia herum. Und wir können euch daher nicht passieren lassen." Der Tiorsritter grinste den herzöglichen Ritter an. "Aber natürlich könnt ihr gerne versuchen, euch mit Gewalt einen Weg zu bahnen. Dann müsste ich allerdings meine kleine Axt im Blute eures Rosses baden lassen - und es wäre doch schade um das schöne Tier."

Eine kurze Pause enstand, in welcher der Ritter aus Hanekamp sichtlich nach Worten rang. Dann antwortete er, während er die Hand aufs Schwert fallen ließ:
"Mein Name ist Koramus von Lindental, Hauptmann des sechsten herzöglichen Regiments, und ich streite im Namen des Herzogs von Hanekamp! Ich und die Meinen werden nach Pfauengrund reisen zu der Vasallin meines Herren, und wenn ihr glaubt, uns Einhalt gebieten zu können, dann seid Ihr irre! Ordensritter oder nicht, Tior wird euch nicht retten!"

Unbeirrt grinste der Tiorsritter weiter, wohl wissend, welche Wirkung das auf die emotionale Ruhe seines Gegenübers hatte.
"Nun, Herr Koramus mit den tollen Titeln, mein Name ist Arius. Und ich glaube an Tior, meine Kameraden im Orden und die Nutzung brutaler Gewalt zum Erreichen meiner Ziele. Woran ich nicht glaube: Dass ich euch Einhalt gebieten kann. Nicht alleine zumindest."
Er nickte seinem linken Nachbar zu, der seinen Zweihänder kurz über den Kopf hob und schwang. Nahezu sofort hört man von dem Wehrturm einen Hornstoß, und Arius lächelte Koramus an.
"Gesetzt den Fall, dass ihr eure Soldaten schnell genug heranhabt, dass sie euren blutigen Tod rächen können, dann sind dort oben 30 Ritter des Ordens des heiligen Tiors. Jeder von ihnen ist gerüstet wie ich selbst oder schwerer!"
Bei diesen Worten klopfte er auf die schwere Plattenrüstung, die er trug - und die in deutlichem Widerspruch zu der leichten Rüstung der herzöglichen Soldaten stand. "Sie alle haben nur einen Lebenszweck: Einen würdigen Kampf auszufechten, um Tior Ehre zu erweisen. Und hinter ihnen steht ein Dutzend Priester, die, so ihr glaubt, einen Krieg mit dem Orden beginnen zu wollen, den feurigen Zorn Tiors selbst auf diese Welt und euer großartiges Regiment herabregnen lassen werden."
Kurz hielt er inne, das Grinsen war völlig verschwunden.
"Also nein, Ritter Koramus", sagte Arius gefährlich leise. "Ich glaube nicht, dass wir euch Einhalt gebieten werden. Ich weiß, dass wir es tun."
Mit dem letzten Wort setzte er den Helm wieder auf und fixierte den Ritter mit einem starren Blick.

Das Starren hielt nicht lange. Koramus von der Linde wendete abrupt sein Pferd und galoppierte zu seinen Soldaten zurück und beobachtete mit blasser werdendem Gesicht, wie aus dem Turm immer mehr Ordenskrieger strömten, bis die gesamte Wegkreuzung voll von ihnen war. In den Gesichter seiner Männer stand die Angst. Er sah ihnen an, wie erschüttert sie von dem waren, was ihnen den Weg versperrte: Jeder der roten Ritter Tiors schwer gerüstet. Sie waren mit langen Äxten, Zweihändern, gewaltigen Schilden und fremdartigeren Waffen bewehrt. Noch bedrückender waren die kehligen Gesänge der Priester unter ihnen, die Tior priesen und Blut und Tod für die Feinde des Ordens versprachen. Nach einigen angespannten Minuten hob Koramus die Hand und brüllte einige Befehle. Der gesamte Soldatenzug machte in geordneter Formation kehrt. Koramus mühte sich von Herzen, die Furcht, die ihn ergriffen hatte, nicht zu zeigen, musste er den Seinen doch Vorbild sein. Den Angriff hatte er nicht befehlen wollen, und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, als er an die drei Ritter auf die Kreuzung dachte. Keiner von denen hätte gezögert, ihn zu erschlagen, ungeachtet seines Standes.

Später, in einem nächtlichen Zeltlager an der Grenze zu Hanekamp ließ Koramus Papier und Feder bringen.
"... und es scheint mir so, als ob der Tod von Ordensmeister Winterberg und insbesondere die nachfolgende Erhebung der Ritterin Irmgard von Voranenburg zur Großmeisterin den Orden des Heiligen Tior dazu bewogen hat, sich nur noch nominell neutral zu verhalten. Es ist davon auszugehen, dass starke und wohl gerüstete Kräfte und der Beistand des Alamar nötig sind, um sich einen Weg an Engonia vorbei zu erkämpfen. Ein solcher Streit wird die Jeldriken verärgern und unsere Feinde vereinigen. Meine Sache hier ist gescheitert und Pfauengrund steht ohne herzöglichen Entsatz. Ich erbitte daher weitere Anweisungen zu dieser Sache und den Segen des Herrn Alamar für unsere Sache. Des Weiteren erbitte ich um die Entsendung ..."

 

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