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Autor Thema: Nachts kann dich keiner retten... nicht vor dir selbst (Voranenburg)  (Gelesen 1447 mal)

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Offline Berengar von Thurstein

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Der Mond stand hell über den Bäumen, gelegentlich verdeckt von einer vorbeiziehenden Wolke, die sich wie ein Gespenst über das helle Antilitz des Madamals schob. Er wusste nicht wie er hier hin gekommen war. Das Zeichen des gebrochenen Rades stand hier über vielen alten Steinen, bekränzte sie wie die Kronen auf den Häuptern längst verfallener Könige. Der Geruch alter Erde stieg zusammen mit den Nebelschleiern aus dem verwitterten Boden auf und strich ihm über das Gesicht. Wie von selbst bewegte sich sein linker Fuß, dann sein rechter, und ohne den Entschluss dazu gefasst zu haben, ging er langsam zwischen den Ruhestätten fremder Menschen einher. Ihre Namen waren ohne Bedeutung für ihn, die Jahre ihrer Geburt, die Jahre ihres Todes. Ohne Bedeutung. Golgari hatte sie zu Boron gebracht, und es war gut so. Sie hatten im Tode mehr erreicht, als ihm vergönnt sein würde.

Vor seinen Augen flackerte ein Bild auf. Eine Löwin, die ihn anblickte, und sich dann abwandte. Wie oft hatte er dieses Bild nun schon gesehen, die Erinnerung an das Zeichen, dass ihm die Göttin gesandt hatte. Er ballte die Hand zur Faust bis sie schmerzte, schloss die Augen und schüttelte den Kopf, um das Bild zu verscheuchen. Immer weiter trugen ihn seine Schritte durch die Nacht, immer tiefer in den endlos scheinenden Boronsanger hinein. Was sollte das alles hier bedeuten... wieso war er hier...

Im Vorbeischreiten berührte seine geballte Faust einen der Grabsteine, und ein anderes Bild durchzuckte ihn. Eine junge Frau, die ein Kind gebar und für immer die Augen schloss, noch bevor das Kind seinen ersten Atemzug getan hatte. Seine Hand zuckte zurück, und das Bild verschwand. Als er den Schritt zur Seite machte um diesem anhauch zu entkommen, streifte seien Schulter einen anderen Stein, und er spürte den kalten Stahl der Speerspitze in seine Eingeweide fahren, die den Mann durchbohrt hatte, den er vor seinen Augen zu Boden sinken sah, sein Gegner selbst mit angsterfülltem Blick auf sein Werk hinab starrend über ihm aufragend, als er ein letztes Mal den namen seiner Geliebten hauchte und die Schwingen des Raben hörte...

Er hastete weiter, denn nun konnte er sie im Dunklen umgehen hören, immer gerade außerhalb seiner Wahrnehmung, und doch gewiss ob ihrer Gegenwart. Nur vor ihm waren sie nicht, und so strebte er voran. Der Nebel wurde immer dichter. Ein Wind fuhr auf und wehte trockenes Laub und totes Gehölz umher, übertönte das Murmeln, Raunen und die Schritte.

Und dann ragte der Tempel vor ihm auf. Schlicht aus Feldsteinen erbaut, ungeschmückt bis auf das zerborstene Rad über der Pforte, die von einem massiven Doppelportal aus Steineiche versperrt wurde. Innehaltend atmete er tief durch, sah sich um, und konnte nun die Schemen erkennen, die sich seinem Gang angeschlossen zu haben schienen. Das eine oder andere Gesicht schien ihm vertraut, und er meinte Banner und Feldzeichen zu erahnen, die etwas in ihm anrührten, das so lange schon zurück lag.

Ein weiterer tiefer Atemzug um Mut zu finden, die Kehle trocken und einen kalten Anhauch im Gesicht sah er sie Reihe der vor langer Zeit dahingegangenen an und wusste nicht, wieso sie ihm so vertraut schienen. Dann wandte er sich dem Portal zu und schritt die Stufen empor, der Schwelle entgegen. Seine Hände legten sich auf das Holz, auf jeden Portalflügel eine. Er spannte sich innerlich an, atmete noch einmal durch und senkte dann das Haupt. Dann warf er sich mit allem was in ihm war gegen das schwere Portal, jeder Muskel straffte sich, stemmte sich gegen das schwere Holz und ächzend atmete er aus, zog scharf erneut Luft in seine Lungen und brüllte seine Anstrengung hinaus.

Langsam, ganz langsam gab das Holz nach, und er warf sich erneut dagegen, zwang sich alles zu geben, unterdrückte das Zucken und zittern in seinem Leib und schrie auf, als das Brennen in seinen Muskeln immer stärker zu lodern begann. Und dann war der Widerstand überwunden und die Flügel des Portals schwangen langsam aber stetig unter seinem bemühen nach innen. Schwer atmend stand er da und sah hinein in die tiefe Schwärze des Heiligtums des schweigendes Gottes der Toten. Borons derische Hallen waren immer schon ein Ort des Trostes und der Besinnung gewesen, doch ihm bereitete der Gedanke Furcht, was dort auf ihn warten mochte.

Doch wieder wurde ihm der Impuls abgenommen, und noch bevor er sich dessen bewusst wurde, schritt er über den rauen Stein, der hier auf dem Boden ausgelegt worden war. Vor ihm lag nur Schwärze, doch erahnte er den großen Altar, auf dem die Boronie hier die Toten aufbahrten, bevor sie der Erde des Angers übergeben wurden. Weiter, tiefer hinein in die Hallen des Totengottes, immer voran, unerbittlich dem Drang unterworfen zu sehen, zu ergründen.

Die Gestalt auf dem Stein schien ihm vertraut. Ein Gesicht das vieles gesehen hatte, viel erduldet hatte, der Bart noch ein letztes Mal von fürsorglichen Händen sauber geschnitten, die Haare in denen so viel grau das Dunkel durchsetzte sorgsam gekämmt, die Augen mit Blüten bedeckt, den Panzer angelegt, die Wunden auf der Brust von seinem Wappenschild verdeckt. Als er wie im Wahn die Hand des Toten berührte, flüsterte eine ferne Stimme seinen Namen... "Berengar..."

Berengar von Thurstein schlug in seinem Zimmer in der Voranenburg schwer atmend mit dem gesicht auf dem kalten Stein des Bodens die Augen auf und schmeckte Blut auf den Lippen... er hatte sich im Schlaf den Hals wund gebrüllt...
« Letzte Änderung: 15. Mai 17, 22:10 von Berengar von Thurstein »
"Der Krieg hinterlässt uns um so Vieles ärmer, als er uns vorgefunden hatte."

"Jemand, der behauptet, er kenne keine Furcht, ist entweder ein Narr, oder ein Lügner."