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Autor Thema: In der Fremde zu Haus?  (Gelesen 1029 mal)

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Offline Berengar von Thurstein

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In der Fremde zu Haus?
« am: 22. Feb 21, 10:06 »
Einst war das Reich unter dem Namen Engonien vereint gewesen, doch heute lag es zerbrochen wie ein Teller da, der jemandem aus den Händen geglitten war. Eine der Scherben trug nun den Namen Hanekamp, und ein Teil dieser Scherbe hatte vor nicht allzu langer Zeit einen Riss bekommen. Was hier abzubröckeln begonnen hatte, war bekannt als Voranenburg. Fehde und Tod waren auf Politik, Ränke und Ungehorsam gefolgt, doch bevor der Krieg, in dem alles zu münden schien, wirklich aufflammen konnte, hatte sich das Leichentuch des Ausharrens über alles gelegt. Im Sommer in Form dieser seltsamen Blumen, und im Winter als Schnee. Entgegen der Ambitionen vieler war dieser Schnee weiß geblieben...

Berengar von Thurstein Köhlersruh stand in der Abendsonne auf der Brüstung des Lagers Neu-Weltenend, welches die Soldaten aus dem Königreich Lichttal unter seinem Kommando nahe der Grenze zu Hanekamp zwischen zwei Dörfer des Grafen von Voranenburg gegraben hatten. Sein Blick schweifte über das Land, sah dem Feind entgegen, der sich auf seiner Seite der Grenze hielt, von hier aus unsichtbar, aber doch unstreitig irgendwo dort draußen. Er schweifte weiter und wand sich der Hauptstadt des Grafen zu, jener Richtung, aus der ihn dann und wann Briefe oder Boten erreichten. Und ihn auch wieder verließen. Eben wollte er den Blick abwenden, als etwas seine Aufmerksamkeit einfing. Das Blinken von Sonnenlicht auf Metall. Beinahe im selben Augenblick ertönte ein Hornstoß vom Wachturm. Ein Bote?

"Der Krieg hinterlässt uns um so Vieles ärmer, als er uns vorgefunden hatte."

"Jemand, der behauptet, er kenne keine Furcht, ist entweder ein Narr, oder ein Lügner."

Offline Berengar von Thurstein

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Antw:In der Fremde zu Haus?
« Antwort #1 am: 25. Feb 21, 17:35 »
Eine halbe Stunde darauf hatte die Botin sich erfrischt und sich den Staub der Straße abwaschen können, und trat nun zu Berengar in den Kommandostand. Sie war eine junge Frau, jedoch hoch gewachsen und für ihre Jugend ungewöhnlich ernst. Er war sich nicht ganz sicher, meinte aber, sie einmal in Drachenwacht gesehen zu haben.

"Guten Abend, nehmt bitte Platz." Sie grüßten einander kurz militärisch, dann setzte die Frau sich an die Tafel neben dem Kartentisch, und legte ihre Botentasche darauf ab.

"Guten Abend Kommandant, Ich bringe Befehle aus Hammerthal und Quellengrund, sowie Briefe aus Thurstein-Köhlersruh und vom Hakenwall. Gerlind Hardenbruch ist mein Name, Dritte Küstenflotte, Nordmeerverband." Berengar nickte ihr zu, reichte ihr einen Teller mit frischem Obst und etwas zu trinken. Dann nahm er die Botentasche an sich, sortierte die Sendungen an die Offiziere und sich selbst aus, und rief dann einen Adjutanten hinzu, der die übrigen Nachrichten und Briefe an die Truppe verteilen würde.

Hernach unterhielten sich beide eine kurze Weile lang über die Überfahrt aus Hammerthal, das Wetter in der Heimat, die neuesten Ereignisse um den Adel, das Militär und schließlich die Situation des Fluches im vergangenen Jahr. Schließlich kamen sie auf den Kern der vorliegenden Angelegenheit zu sprechen.

"Die Sendung des Grafen umfasst Euer weiteres Kommando über die Truppen des Reiches auf dem Gebiet Voranenburgs. Die Sendung des Herzogs umfasst den Austausch der stationierten Truppen und des Lazarettes. Ich bin lediglich vorausgeritten, die Truppen landen in diesen Stunden an, und werden in etwa einer Woche eintreffen." Berengar nickte lächelnd und erwiderte "ausgezeichnet. Ich gehe recht in der Annahme, dass Ihr ebenfalls hier stationiert werdet, um auf ein zukünftiges Kommando vorbereitet zu werden?"

"Der Krieg hinterlässt uns um so Vieles ärmer, als er uns vorgefunden hatte."

"Jemand, der behauptet, er kenne keine Furcht, ist entweder ein Narr, oder ein Lügner."

Offline Berengar von Thurstein

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Antw:In der Fremde zu Haus?
« Antwort #2 am: 10. Mär 21, 07:55 »
Die Woche seit Hardenbruchs Ankunft war geschäftig und wie im Fluge vergangen. In den umliegenden Ortschaften waren kleine Abordnungen des Lagers Neu-Weltenend stationiert worden, um die Bevölkerung auf den bevorstehenden Besatzungswechsel vorzubereiten und den dort inzwischen einquartierten Heilern beim Einpacken zu helfen. Das Feldlager selbst hatte eine große Anzahl von Spähern und Patrouillen ausgesandt, um frühzeitig gewarnt zu sein, würde der Feind den Wachwechsel als Gelegenheit für einen Angriff sehen. Alle, die nicht anderweitig beschäftigt waren, brachten die Schäden des Winters in Ordnung und stockten die Vorräte auf den üblichen Versorgungswegen wieder vollständig auf.

Und dann näherte sich der Wagenzug und die lange Marschreihe der Truppen aus der Heimat dem Lager. Ein teil des Hinterlandes war nahe der Palisade von allen ungastlichen Umbauten befreit worden, um dort einen Fuhrplatz und ein Übergangslager für eine Nacht aufzuschlagen. Doch als sich eine Abordnung des Zuges ins Lager begab, kamen alle Anwesenden beinahe augenblicklich zum stehen, und verstummten. Der Herzog von Hammerthal persönlich war in ihr Lager gekommen, um sich ein Bild zu machen.

Berengar von Thurstein-Köhlersruh, Hauptmann Trutzschliff und Gerlind Hardenbruch traten aus dem befehlsstand hervor und trafen den Herzog, seinen Bannerträger und seinen Waffenträger auf dem Platz unter dem Wachturm. Alle drei nahmen Haltung an, dann verbeugte Berengar sich tief vor seinem Bannerherrn. "Eure Hoheit, es ist mir eine Ehre, Euch in Neu-Weltenend begrüßen zu dürfen." Gernod Wilhelm Ferdinand, Herzog von Hammerthal und Bannerherr der Ostmarschen gab den dreien einen Wink, und sie entspannten sich.

"Herr von Thurstein-Köhlersruh, ich bin zufrieden mit dem, was Ihr und die euren hier unter dem Banner unseres Königs errichtet haben. In den Dörfern hört man keine Klagen, und gedenkt Eurer mit Achtung." Er nickte dem Ritter zu, woraufhin Hauptmann Trutzschliff den Umstehenden mit einer Handbewegung bedeutete, dass sie sich wieder ihren Befehlen und Aufgaben widmen sollten.

Daraufhin verschwand die Gruppe um den Herzog und den Ritter im Kommandostand.



"Der Krieg hinterlässt uns um so Vieles ärmer, als er uns vorgefunden hatte."

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Offline Berengar von Thurstein

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Antw:In der Fremde zu Haus?
« Antwort #3 am: 28. Mai 21, 11:54 »
Als die bisherige Besatzung schließlich aufbrach, um in die Heimat zurück zu kehren, waren Berengar, einige gediente Unteroffiziere und Offiziere, sowie eine aufgestockte Besatzung zurückgeblieben. Der Befehl des Herzogs lautete, das Feldlager an die Truppen von Voranenburg zu übergeben und an einen neuen Standort nach den Wünschen des Grafen von Voranenburg zu verlegen.

In den nächsten Tagen entsandte Berengar daher einige Boten nach Voranenburg und Feuerklinge. Persönliche Korrespondenz hatte er den abziehenden Soldaten mit gegeben. Die Lagebesprechungen blieben so unspektakulär wie zuvor, und die neuen Truppen lebten sich schnell ein. Da das Lager jedoch für die aufgestockte Truppe zu eng geworden war, ritten ab sofort dreimal so viele Patrouillen aus, und die Quartiere wurden mehrfach belegt, so dass man nun in Schichten ausruhen und seinen Dienst zu versehen hatte.

Insgesamt erinnerten die Umstände inzwischen eher an die auf einem fernreisenden Hochseeschiff, denn an ein Feldlager. Aber immerhin würde im Falle eines Angriffes eine deutlich größere Besatzung zur Verteidigung bereit stehen.
"Der Krieg hinterlässt uns um so Vieles ärmer, als er uns vorgefunden hatte."

"Jemand, der behauptet, er kenne keine Furcht, ist entweder ein Narr, oder ein Lügner."